2021_KW06_müde

müde

Sonntagmorgen. Der Kater pocht leise, aber präsent in den Schläfen. Es gibt nicht viel, was dagegen hilft. Ich wäge ab. Ibuprofen – liegen bleiben, Kaffee – liegen bleiben, duschen – liegen bleiben. Der knurrende Magen und die Dinge, die ich zu tun habe, überreden mich aufzustehen. Doch die Kaffeedose ist nahezu leer und mit dem Espressopulver verhält es sich ähnlich. Beides zusammengeschüttet ist die Moka-Kanne wenigstens halb voll. Was für ein Start in den Tag. Das ohnehin dünne Gebräu trinke ich natürlich trotzdem nicht schwarz und so ertränkt der schaumige Haferdrink jegliches Gefühl von Koffeinhaltigkeit. Wie soll ich je wieder wach werden?

Anders als bei Trude Herr, die davon sang, morgens immer müde, abends aber wach zu sein, hockt die Müdigkeit derzeit von früh bis spät schwer auf meinen Schultern. Acht Stunden Schlaf und ein Powernap am Nachmittag genügen nicht, um diesen mittelalten Körper in Gang zu bringen. Wie gerne profitierte ich da von der anregenden Wirkung eines Kaffees! Leider besteht Grund zu der Annahme, dass mir eine gewisse Koffeinresistenz bereits mit der Muttermilch verabreicht wurde. Denn die Devise meiner Mutter lautet auch heute noch: „Warum Wasser trinken, wenn es auch Kaffee sein kann?“ Ein Espresso vorm Schlafengehen? Kein Problem! Schwarzer Tee am späten Nachmittag? Immer her damit! Schön, dass wenigstens der Genuss von koffeinhaltigen Heißgetränken da uneingeschränkt möglich ist, wo das Fassen klarer Gedanken eine wahre Herausforderung darstellt.

Das Schönste am deutschen Wort „müde“ ist meiner Ansicht nach, dass man es mit aufgerissenem Mund tief gähnend immer noch halbwegs verständlich aussprechen kann und seine Bedeutung damit perfekt veranschaulicht (zugegeben auf etwas unhöfliche Weise). Der Umlaut lässt sich zudem angemessen in die Länge ziehen, wodurch sich das eigene Empfinden dramatisch untermalen lässt. I’m here for it! Das heute gebräuchliche Adjektiv entstammt dem althochdeutschen muodi und dem mittelhochdeutschen müede und besitzt die Ursprungsbedeutung „sich gemüht habend“. Nun habe ich weder den Acker bestellt noch die Wohnung tapeziert – körperliche Anstrengung kann diesem Gefühl der Ermattung demnach nicht zugrunde liegen. Ich frage mich also, ob nicht vielleicht schon Zeit für Frühjahrsmüdigkeit ist und tippe den Begriff ins Suchfeld meines Browsers. Das Ergebnis ernüchtert mich nur bedingt, denn Mitte Februar und bei Minusgraden erscheint der Frühling trotz Klimawandel noch schrecklich weit entfernt. Auf die echte Frühjahrsmüdigkeit, die typischerweise zwischen Mitte März und Mitte April einsetzt, darf ich mich also noch freuen.

Bei müdigkeitsbedingt eingeschränkter mentaler Beweglichkeit liegt jeder kreative Gedanke unerreichbar auf der anderen Seite eines Flusses aus Melasse. Anstatt mich abzumühen und das klebrige Braun geistiger Umnachtung zu durchwaten, um meine Gedanken doch noch in witzige Wortspiele kleiden zu können, greife ich lieber nach dem ersten Ast, den mir das Internet entgegenstreckt. (Ein Muster, das mich schon lange begleitet und welches mich stets vom Weg abbringt. Nennt man es einfach „Recherche“ klingt es jedoch klug und ist damit wohl entschuldbar?) Frühjahrsmüdigkeit! Wer hat sich das ausgedacht und diese Form der Erschöpfung als medizinisches Phänomen beschrieben? Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache zeigt, dass der Begriff erstmals um 1920 auftaucht, allerdings nur in den Referenz- und Zeitungskorpora (und ferner beschränkt die öffentlich zugänglichen Quellen). DER GROSZE DUDEN von 1929 kennt die Frühjahrsmüdigkeit, die es offenbar nicht rechtzeitig zum Jugendwort des Jahres gebracht hat, indes noch nicht. Dafür aber den Müdling, der mich jedoch unmöglich mitmeinen kann (vgl. den Eintrag im Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm). Auch im Großen DUDEN von 1967 Fehlanzeige. Dafür gibt es die Frühjahrs-Tagundnachtgleiche sowie die kindersprachliche Interjektion „piff, paff!“ beziehungsweise „piff, paff, puff!“ Der Müdling dagegen ist verschwunden, wahrscheinlich wegen der bedrohlichen Lautmalerei. Im Rechtschreib-DUDEN von 1973 findet sich dann endlich die mir wohlbekannte Frühjahrsmüdigkeit. Vor dem Hintergrund, dass darin auch der Dealer erläutert wird, erscheint mir das aber herzlich unspektakulär. Die englischsprachige Entsprechung „spring fever“ wurde laut Merriam Webster bereits 1859 zum ersten Mal in der Bedeutung „lazy or restless feeling often associated with the onset of spring“ verwendet. Allerdings fehlt bei dieser Definition der depressive Grundton, die Erschöpfung, die German Angst. Bei meinen Recherchen schleicht sich der Gedanke ein, es könne sich mal wieder um ein hiesiges Spezifikum à la Weltschmerz handeln. Dass der Wikipedia-Eintrag zur Frühjahrsmüdigkeit nur in sieben Sprachen übersetzt ist, mag diese steile These stützen (hier erwartet hoffentlich niemand wissenschaftliche Hieb- und Stichfestigkeit?), insbesondere da der türkische Eintrag eine Eins-zu-eins-Übersetzung des deutschen Artikels zu sein scheint und der französische darauf hinweist, dass es keine frankofone Bezeichnung für dieses Syndrom gibt. Warum auch? Bei Wein und allgemeinem joie de vivre fällt eine saisonale Ermattung vielleicht gar nicht ins Gewicht.

Nun ist die Frühjahrsmüdigkeit nicht das Problem, diese Abschweifung war allein der Bettschwere meines Kopfes geschuldet. Ursächlich für die Abgeschlagenheit könnte Serotoninmangel sein, Vitaminmangel, Bewegungsmangel, Umarmungsmangel, Gesprächsmangel, Spontaneitätsmangel, Lebensmangel. Es fehlt an vielem und auch das macht müde – wenn auch nicht lebensmüde, eher hungert es mich nach Leben, nach Erlebnissen. Die oben angeführten DUDEN-Ausgaben (übrigens über das Internet Archive frei verfügbar) erläutern das Wort „müde“ jedoch immer anhand des Beispiels „sich müde arbeiten“ und an diesem Text habe ich mich wahrlich müde gearbeitet. Ich koche mir nun einen Kaffee, denn wenn ich diesen Beitrag veröffentliche, ist die Kaffeedose wieder gefüllt und die Zeit des Muckefuck vorbei! Der 1963 veröffentlichte DUDEN Etymologie erläutert, dass Muckefuck, der umgangssprachliche Ausdruck für einen dünnen Kaffee, nicht vom französischen mocca faux also „falschem Mokka“ herrührt, sondern sich aus dem rheinischen Mucken für „braune Stauberde, verwestes Holz“ und dem ebenfalls rheinischen fuck für „faul“ ableitet. Und wenn er schon nicht wach macht, soll der Kaffee wenigstens schmecken.

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